Wissenschaftskommunikation auf neuen Wegen

Mikroelektronik aus dem Blickwinkel der Kunst - Dokumentation der besten Arbeiten eines Wettbewerbes initiiert von der Muthesius Kunsthochschule und dem Fraunhofer ISIT

Presseinformation / 24.11.2015

Lässt sich Unsichtbares sichtbar machen? Wie kann die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Mikrosystemtechnik und Mikroelektronik mit künstlerischen und gestalterischen Mitteln dargestellt werden? Dieser spannenden Frage stellten sich fast 100 Studierende der Muthesius Kunsthochschule in einem einzigartigen Kooperationsprojekt mit dem Itzehoer Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie ISIT. Im Verlauf des als Wettbewerb angelegten Studienprojekts erarbeiteten die angehenden Künstler und Designer nach einer Erkundungsphase in den Laboren des Fraunhofer-Instituts innovative Antworten und spannende Visualisierungen.

Robin Lison, Rhizipoda Radiata

Die Mikroelektronik aus dem Blickwinkel von Kunst und Design zu betrachten, ist ein Novum in der Wissenschaftskommunikation des Fraunhofer-Instituts. Dieser Perspektivwechsel spricht breite gesellschaftliche Schichten an und bietet einen alternativen Zugang zu technischen Entwicklungen, deren Auswirkungen umfassend und global sind. „So wie die Faszination der mikroskopisch kleinen Siliziumstrukturen sich in vielen Arbeiten der Muthesius Kunsthochschule wiederfindet, sind auch in unserem Bewusstsein neue und erfrischende Sichtweisen angekommen“, resümiert Prof. Wolfgang Benecke, Leiter des Fraunhofer ISIT.

Die nun vorgelegte Dokumentation enthält aussagekräftige visuelle Statements, sie zeigt alle 22 hier ausgezeichneten kommunikativen Lösungen, aufgenommen wurden auch die Werkberichte der betreuenden Professoren. Die App zum Projekt wurde im Bereich Interaktive Medien bei Prof. Tom Duscher an der Muthesius Kunsthochschule entwickelt. Konzept und Layout der Printversion erstellten Vanessa Schnurre und Michael Haberbosch im Projektbüro der Muthesius Kunsthochschule bei Prof.in Silke Juchter und Prof. Wolfgang Sasse.

Hier eine Auswahl:
Die Medienkunst-Studentin Robin Lison ermöglicht in ihrer Rauminstallation „Rhizopoda radiata“ einen Zugang zur mikroskopisch kleinen Welt der Mikrochips. Dafür geht sie auf die Ursprünge des Siliziums, den Rohstoff Sand, zurück, aus dem die Natur die Skelette von kleinsten Organismen, sog. Radiolarien, geformt hat. Sie zeigt gravierte Wafer mit äußerst ansprechender ästhetischer Wirkung.

Mit Hilfe der interaktiven Installation „The Internet Is Just A Hype“ von Manuel Reitz kann der Besucher seine eigenen Prognosen über die Zukunft der Siliziumtechnologie mit „berühmten“ Zitaten mischen. Es entstehen vielfältige, aber auch ungewöhnliche Aussagen.

Talea Büscher macht die immense Bedeutung der Mikrotechnologie in unserer Gesellschaft begreifbar, indem sie die weltweite Produktion des Transistors, dem wichtigsten Bestandteil von Mikroprozessoren, mit der Produktion des Grundnahrungsmittels Reis vergleicht. Sie war fasziniert und überrascht, dass pro Jahr mehr Transistoren als Reiskörner produziert werden. Technologie steht hier im direkten Vergleich mit unserer Natur und zeigt, wie sich das Verhältnis auf eine für viele Menschen ungünstige Weise verschiebt. Denn natürlich sind die Industrienationen die Nutznießer der technologischen Entwicklung, während es in anderen Teilen der Welt an ganz Existenziellem mangelt.

Weitere Arbeiten nutzen breitenwirksame Formate wie Magazine und Plakatkampagnen, etwa das investigative Magazin „Luzid“ (Charlotte Gosch, Nina Massow, Insa Kühlke-Schmoldt), ein Konzept für eine Plakat-Kampagne zur Nacht-Sicht von Autofahrern (Anika Grönwoldt), eine Imagebroschüre (Isabel Gesenhues, „Haut des Wissens“), der Hochglanzkatalog „New Tomorrow“ (Carina Wente), und das Magazin „Cyborg“ (Laura Binder). „An diesen beispielhaft vorgestellten Arbeiten wird deutlich, was professionelles Kommunikationsdesign leisten kann. Es geht darum, komplexe Themen so aufzubereiten, dass kommunikative Botschaften entstehen,“ so Prof.in Silke Juchter.

Ein besonderer Reiz liegt in der ästhetisch ansprechenden Visualisierung von Mikrochips in der Manier der historischen Radiolarien-Rosetten des Ernst Haeckel um 1900 durch Celina Golz. Die Sound-Animation „Life of Sand (Kristin Rosch) verfolgt die Siliziumtechnologie von den Ursprüngen, dem Sand, bis hin zur Wafer-Platte. Sarah Gassner plädiert in ihren Film „Jedes Jahr ein Smartphone“ für eine Technologie im Hinblick auf nachhaltiges Konsumverhalten.

„Die mit hoher Dynamik fortschreitende Miniaturisierung, Leistungs- und Integrationsverdichtung elektronischer Systeme lässt uns bewusst werden, dass eine letzte Grenze technischer Durchdringung im Begriff ist, sich aufzulösen: die des menschlichen Körpers,“ so Prof. Detlef Rhein.

Seine Studierenden im Medical Design wagten den Blick in die Zukunft: Oliver Hahn lässt zu diagnostischen Zwecken ein Topologiepflaster Druckpunkte bei Belastung menschlicher Körperteile auslesen, Christian Hanke verwendet Mikroelektronik, um in trockenen Augen den Tränenkanal anzuregen. Bei Maren Rittmeister werden neuartige Tastsensoren in der Brustkrebsvorsorge verwendet. Und welche Erleichterung würde das von Henrike Schroedter gedachte Konzept eines nicht-invasiven Blutzuckermessens für die wachsende Zahl an Diabetes erkranker Kinder bedeuten!

Für Prof. Tom Duscher, Betreuer aus dem Bereich Interaktive Medien der Muthesius Kunsthochschule, war der Wettbewerb ein voller Erfolg: „Die Arbeiten sind Informationsdesign ohne die typischen Formate zu benutzen, sie versinnlichen wissenschaftliche Prozesse auf poetische wie ironische Weise. Sie sind weder anklagend noch idealisierend, sie regen zum Nachdenken an. Und das ist ein entscheidender Beitrag, den Kunst und Design in der Mitgestaltung des technologischen Fortschritts leisten können.“

 

Silke Juchter, Wolfgang Sasse, Tom Duscher/Muthesius Kunsthochschule (Hrsg.)
Invisible. Wie die Mikroelektronik unser Leben verändert.Katalogdokumentation.
Muthesius Kunsthochschule, Kiel 2015.

Print-Version: ISBN 978-3-943763-41-6. dt./engl.
Schutzgebühr der Print-Version: 10 Euro

Zu beziehen über das Pressebüro der Muthesius Kunsthochschule, Legienstraße 35, 24103 Kiel. Katja Beilfuß
Email: presse@muthesius.de T 0431-5198-471.

App zum Fraunhofer-Projekt unter http://invisible.muthesius.de/app

Kontakte Muthesius Kunsthochschule
Ursula Schmitz-Bünder, Presse- / Öffentlichkeitsarbeit,
Email presse@muthesius.de, T 0431-51 98-463
Prof.in Silke Juchter, Email: juchter@muthesius.de, T. 01577-9393208
Prof. Tom Duscher, Email: td@muthesius.de, T. 0176-23155676