Interview

Interview mit dem Leiter des Fraunhofer ISIT -
Prof. Dr. Axel Müller-Groeling

31. Juli 2020

Prof. Dr. rer. nat. habil. Axel Müller-Groeling, Leiter des Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie, hat den Ruf auf die W3-Professur für Mikrosysteme und Technologietransfer an die Technische Fakultät und das Fraunhofer ISIT angenommen. Ein Interview.

© Eric Shambroom Photography 2020
© Mediathek CAU Kiel

Seit wie vielen Jahren sind Sie am Fraunhofer ISIT? 

Ich bin seit Ende 2016 Institutsleiter hier am Fraunhofer Institut für Silizium Technologie ISIT, also seit bald vier Jahren.

Ich bin in Kiel aufgewachsen. Ich habe angefangen, in Kiel Physik zu studieren. Danach bin ich weiter nach Bonn und nach Heidelberg gegangen, wo ich promovierter und habilitierter Physiker geworden bin. Anschließend eine lange Zeit habe ich im Management verbracht, bei Unternehmensberatungen und in einer eigenen Firma, und bin dann, sozusagen, in einem sich schließenden Kreis wieder zurück, oder halb-zurück, in die Wissenschaft zur Fraunhofer-Gesellschaft gekommen.

Was gefällt Ihnen am besten an Fraunhofer und am ISIT?

Was mir besonders gefällt an der Fraunhofer-Gesellschaft und damit auch am ISIT, ist die Kombination von wissenschaftlicher Arbeit, da habe ich einen Teil meines Lebens verbracht, und Management Arbeit, da habe ich den zweiten Teil meines bisherigen beruflichen Lebens verbracht. Das jetzt hier zusammenbringen zu können und zu guten Ergebnissen führen zu können, das finde ich ist die spannendste Herausforderung.

Warum kommt die Professur jetzt?

Ein Institutsleiter eines Fraunhofer-Instituts soll typischerweise an die Universität angebunden sein, die dem Fraunhofer-Institut am nächsten liegt. Dass es zum jetzigen Zeitpunkt kommt, hat einfach auch damit zu tun, dass in meinem Alter der gesamte Prozess nicht mehr so ganz einfach ist. Auch beamtenrechtlichen nicht ganz einfach ist und das es deswegen auch eine Weile gedauert hat, in dieser sogenannten gemeinsamen Berufung mich an die Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu bringen. ­Inhaltlich gab es mit der Universität schon früh vollständige Übereinstimmung.

Worum geht es in der Professur?

Meine Professur, die ich seit dem 1.7.2020 jetzt ganz formell antreten kann, ist eine sogenannte W3 Professur, ich bin also ernannt zum Universitätsprofessor und bin damit auch Direktor des Instituts für Materialwissenschaften an der Technischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität. Die Denomination - das Arbeitsgebiet dieser Professur - ist Mikrosysteme und Technologietransfer.

Außer mir gibt es noch zwei weitere Professoren im Fraunhofer ISIT: das ist der Holger Kappels im Bereich der Leistungselektronik und der Bernhard Wagner im Bereich der Mikrosysteme. Damit bin ich der dritte Professor an der Universität.

Welche Inhalte werden Sie vermitteln?

Es wird ja einerseits um Forschungsinhalte gehen und andererseits um Lehrinhalte. Was die Forschungsinhalte angeht, werde ich mich stark orientieren an den strategischen Schwerpunkten des ISIT. Das sind im Wesentlichen die MEMS, oder die mikro-elektromechanischen Systeme, und die Leistungshalbleiter.

Was die Lehrinhalte angeht: Das ist ganz natürlich von meinem eigenen Hintergrund her, die Verknüpfung zwischen Technologie und Management im Wesentlichen in den Fokus zu nehmen. Also, meine persönliche Erfahrung ist, dass es manchmal wie zwei verschiedene Welten wirkt, wenn man sich einerseits in die Forschungssphäre begibt und andererseits in die Managementsphäre, und das führt dann dazu, dass häufig zu wenig Verständnis füreinander da ist, und, dass deswegen gute Erfindungen, gute Ideen ihren Weg in den Markt nicht finden. Ich würde gerne in der Lehre meinen Beitrag dazu leisten, dass Studierende früh mit allen Aspekten einer Technologie-Vermarktung in Berührung kommen und dann später auch erfolgreicher sein können bei der Umsetzung.

Werden Sie auch im Auftrag der CAU forschen?

Die technologischen Plattformen des ISIT sind natürlich die Grundlage für das, was wir hier tun, und wir profitieren ungemein von der Zusammenarbeit mit der Universität. Letzten Endes sind das ja die Grundlagen, auf denen wir aufbauen. Wir sind kein Grundlagen Forschungsinstitut, aber ohne dass wir technologische Grundlagen bauen, und die bauen wir in erster Linie in Zusammenarbeit mit der Universität, kommen wir natürlich auch nicht weiter. Forschung ist frei, da gibt es keine „Aufträge“. Die Forschungstätigkeit wird sich auf Gebiete gemeinsamen Interesses konzentrieren und da gibt es genug Themen.

Gibt es eine Vorlesung? Gibt es Übungen?

Das sind zwei Semesterwochenstunden, beginnend jetzt mit dem Wintersemester 2020/2021, die ich auch persönlich an der Universität halten werde. Die Vorlesung werden nicht hier am ISIT stattfinden, und da es sich dann unter Umständen um Vorlesungen handelt, bei denen die Studenten und Studentinnen auch Credits bekommen, werden wir auch Übungen anbieten, wo es notwendig ist. 

Wie oft werden Sie in Kiel sein?

Ich plane, im Semester einmal pro Woche in Kiel zu sein, nämlich dann, wenn ich die Vorlesungen halte und dann sinnvollerweise auch den Tag an der Universität verbringen. Außerhalb von Vorlesungszeit wird sich das eher auf einen zweiwöchigen Rhythmus im Rahmen der Direktoriumssitzungen dann einpendeln. 

Welche Bedeutung hat die Professur für das Fraunhofer ISIT?

Die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen einem Fraunhofer-Institut und der Universität kann gar nicht überschätzt werden. Es ist sehr wichtig für ein Institut, dass es am akademischen Leben teilnimmt, Studierende mit ausbildet und einen intensiven, inhaltlich wissenschaftlichen Austausch schafft. Das fällt uns am ISIT naturgemäß deswegen etwas schwerer, weil wir eine ganze Wegstunde von der Christian-Albrechts-Universität weg sind. Insofern ist es für das ISIT besonders wichtig, viele Professuren an der Universität zu haben, um den Studenten und Studentinnen zu zeigen, hier sind Professoren, die sich für Gebiete interessieren, die zwischen der Universität und dem Institut abgestimmt sind. Gebiete, für die sich Studierende auch interessieren können, oder, wo sie Bachelor- und Masterarbeiten am Fraunhofer-Institut in Itzehoe schreiben können. Das ist ein Angebot, das wir an die Studenten und Studentinnen machen. Das ist für die Entwicklung des Instituts und auch für das Wachstum des Institutes von herausragender Bedeutung. Wie jeder Professor wünsche ich mir natürlich auch, dass ich gute Promotionsstudierende finde, und es gehört zu meinen persönlichen Zielen, Doktorarbeiten zusammen mit jungen, talentierten Studierenden auf den Weg zu bringen.

Was erhofft sich die CAU von Ihrer Professur?

Die Frage, was die CAU im ISIT sieht und was sie sich erwartet vom ISIT, ist naturgemäß erst mal eine Frage an die CAU.
Aber ich glaube, ich kann dazu auch ein paar Worte sagen. Einerseits ist es ja so, dass wir gemeinsame Projekte machen. Das heißt, ein angewandtes Forschungsinstitut wie das ISIT hat naturgemäß starke Kontakte in die Industrie und starke Möglichkeiten, sich an geeigneten Calls der verschiedenen Institutionen auf der europäischen Ebene und auf der Bundesebene zu beteiligen. Und wir freuen uns immer, wenn wir Gelegenheit finden, die Christian-Albrechts-Universität an der Stelle mitzunehmen. Dazu kommt, dass wir uns natürlich gegenseitig verstärken. Zum einem in unseren technischen Möglichkeiten und in der Möglichkeit, von der Grundlage bis zur Anwendung ein durchgehendes Angebot zu machen, dass ist in der Kombination der beiden Institute sehr viel besser, als wenn man als Universität oder als Fraunhofer-Institut allein dasteht.

Welche Projekte in der Kooperation mit der CAU gibt es bereits und welche stehen noch an?

Es gibt bereits seit vielen Jahren Projekte in der Zusammenarbeit zwischen dem ISIT und der CAU. Insbesondere zu nennen wäre das Nanolabor, an dem auch an Fragestellungen des Fraunhofer ISIT geforscht wird. 

Seit jüngster Zeit gibt es die Allianz für Spitzenforschung in Schleswig-Holstein, und wir freuen uns, dass wir da ein Mitglied sein dürfen.

Darüber hinaus gibt es gemeinsame Interessen in der Batterieforschung, also eine Zusammenarbeit zwischen der entsprechenden Gruppe in Kiel und unserer Batterie-Gruppe hier in Itzehoe am ISIT.

Ein wissenschaftlich besonders interessantes Projekt ist eine gemeinsame Entdeckung, die an der Universität Kiel und bei uns gemacht wurde und zwar: zum Thema Aluminiumscandiumnitrid. Wir haben festgestellt, dass dieses Material ferroelektrisch ist. Das konnte nachgewiesen werden durch einen Doktoranden, der sowohl an der Uni als auch bei uns am Institut war. Diese Entdeckung  hat potentiell ein riesiges Spektrum von Anwendungen und ist hochinteressant, auch international und voraussichtlich hochkompetitiv.

Paar Worte zum Schluss?

Als Fazit kann man sagen: Die Möglichkeit, dass ich jetzt auch als Professor an der Universität wirken kann, verstärkt noch einmal das Band zwischen den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wie zum Beispiel dem ISIT, und der Universität. Und wir haben an vielen Beispielen in der Vergangenheit gesehen, und einige habe ich hier ja schon nennen können, wie fruchtbar diese Zusammenarbeit sein kann und wie einmalig die deutsche Forschungslandschaft auch weltweit auf diese Weise dasteht. Wir werden im Grunde für unser vielfältiges Forschungssystem weltweit beneidet.

 

Karriere-Meilensteine:

2020 – heute

Universitätsprofessor
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

2016 – heute

Geschäftsführender Institutsleiter
Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie ISIT

2014 – 2016

Beratung und Strategieentwicklung
Centrosolar America Inc., TRUMPF GmbH & Co. KG, Start-ups

2005 – 2014

Vorstand und Mitgründer
Centrosolar Group AG

1998 – 2005

Beratung
McKinsey & Company, Inc.

1992 – 1997

Postdoktorand und Habilitation Physik
Universität Heidelberg, MPI für Kernphysik Heidelberg, CEA Saclay, University of Toronto, Wissenschaftskolleg zu Berlin

1989 – 1992

Promotion Physik
Universität Heidelberg, MPI für Kernphysik Heidelberg 

1984 – 1989

Studium und Diplom Physik
Forschungszentrum Jülich, Universität Bonn, Universität Kiel